MMärkte und PreiseArtikel 03 / 05
Wie Börsenkurse entstehen: Angebot, Nachfrage und das Orderbuch
Wer legt eigentlich fest, was eine Aktie in diesem Moment kostet, was steht in einem Orderbuch, und warum bewegt sich ein Kurs, auch wenn sich am Unternehmen nichts geändert hat?
In Nachrichten erscheinen Börsenkurse oft wie Temperaturen: Sie steigen, sie fallen, sie werden gemeldet. Dabei bleibt meist offen, wie ein solcher Preis überhaupt zustande kommt. Es gibt niemanden, der ihn festsetzt. Ein Kurs entsteht, wenn sich Menschen und Institutionen, die kaufen wollen, und solche, die verkaufen wollen, auf einen Preis einigen.
Dieser Text erklärt den Mechanismus dahinter: was Kauf- und Verkaufsaufträge sind, wie ein Orderbuch aufgebaut ist, wie aus vielen Aufträgen ein Preis wird und warum Kurse schwanken. Er beschreibt Grundlagen des Handels an einer Börse und enthält keine Hinweise darauf, was man kaufen oder verkaufen sollte.
TL;DRDas Wichtigste in Kürze
- Ein Börsenkurs ist der Preis, zu dem zuletzt ein Kauf- und ein Verkaufsauftrag zusammengeführt wurden.
- Das Orderbuch sammelt alle offenen Aufträge und zeigt, zu welchen Preisen Angebot und Nachfrage bereitstehen.
- Kurse ändern sich, wenn sich Erwartungen, Informationen oder das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verschieben.
Ein Markt für Wertpapiere
Eine Börse ist ein organisierter Marktplatz mit festen Regeln. Auf ihr werden Wertpapiere wie Aktien und Anleihen gehandelt. Wer eine Aktie kaufen möchte, kauft sie nicht direkt vom Unternehmen, sondern in aller Regel von jemandem, der sie verkaufen möchte. Die Börse sorgt dafür, dass diese beiden Seiten zusammenfinden, dass die Regeln eingehalten werden und dass die Preise für alle sichtbar sind.
Private Anlegerinnen und Anleger handeln nicht selbst an der Börse, sondern geben ihre Aufträge über eine Bank oder einen Broker weiter. Diese leiten sie an den Handelsplatz. In Deutschland gibt es mehrere solcher Handelsplätze, und dieselbe Aktie kann an verschiedenen Orten gleichzeitig gehandelt werden.
Was im Orderbuch steht
Jeder Auftrag enthält mindestens drei Angaben: welches Wertpapier, wie viele Stück und ob gekauft oder verkauft werden soll. Häufig kommt eine Preisgrenze hinzu. Ein Kaufauftrag mit Limit besagt: Ich kaufe höchstens zu diesem Preis. Ein Verkaufsauftrag mit Limit besagt: Ich verkaufe mindestens zu diesem Preis. Aufträge ohne Limit werden zum nächsten verfügbaren Preis ausgeführt.
Alle offenen Aufträge werden im Orderbuch gesammelt. Auf der einen Seite stehen die Kaufaufträge, geordnet vom höchsten gebotenen Preis abwärts, auf der anderen die Verkaufsaufträge, geordnet vom niedrigsten verlangten Preis aufwärts. Zwischen dem höchsten Gebot und dem niedrigsten Angebot liegt eine Lücke, die Spanne oder der Spread.
- Geldkurs
- der höchste Preis, den ein Käufer im Moment zu zahlen bereit ist
- Briefkurs
- der niedrigste Preis, zu dem ein Verkäufer im Moment abgeben will
- Spread
- der Abstand zwischen Geld- und Briefkurs; er ist bei viel gehandelten Papieren meist klein
- Limit
- eine Preisgrenze im Auftrag, die festlegt, zu welchem Preis höchstens gekauft oder mindestens verkauft wird
Wie aus Aufträgen ein Preis wird
Ein Geschäft kommt zustande, wenn ein Kaufauftrag und ein Verkaufsauftrag preislich zusammenpassen. Trifft ein Kaufauftrag ein, der bereit ist, den niedrigsten Briefkurs zu zahlen, werden beide Aufträge ausgeführt. Der Preis dieses Geschäfts wird als neuer Kurs veröffentlicht. Im fortlaufenden Handel geschieht das viele Male pro Sekunde.
Daneben gibt es Auktionen, etwa zur Eröffnung und zum Schluss eines Handelstages. Dabei werden Aufträge eine Zeit lang gesammelt, und anschließend wird der Preis ermittelt, zu dem die größte Menge an Wertpapieren den Besitzer wechseln kann. Dieses Verfahren soll zu Beginn und am Ende des Tages einen fairen Ausgangs- und Schlusspreis ermöglichen.
Wichtig ist: Der angezeigte Kurs ist immer ein Preis der Vergangenheit, und sei sie nur wenige Sekunden alt. Wer einen Auftrag erteilt, kann nicht sicher sein, genau zu diesem Preis zum Zug zu kommen, besonders bei Aufträgen ohne Limit und bei wenig gehandelten Papieren.
Warum Kurse schwanken
Wenn mehr Menschen kaufen als verkaufen wollen, sind Käufer bereit, höhere Preise zu bieten, und der Kurs steigt. Im umgekehrten Fall sinkt er. Hinter diesen Verschiebungen stehen Erwartungen: über die künftigen Gewinne eines Unternehmens, über Zinsen, über die Wirtschaft insgesamt. Neue Informationen, etwa ein Geschäftsbericht, eine Zinsentscheidung oder eine politische Nachricht, verändern diese Erwartungen und damit die Aufträge im Orderbuch.
Kurse bewegen sich aber auch ohne neue Informationen. Große Aufträge einzelner Marktteilnehmer, Stimmungen oder technische Gründe können Preise kurzfristig verschieben. Deshalb sagt eine einzelne Kursbewegung wenig über den Zustand eines Unternehmens aus. Wer Kurse beobachtet, sieht vor allem, wie sich die Einschätzungen vieler Menschen über die Zeit verändern.
Was das für das Verständnis bedeutet
Wer den Mechanismus kennt, liest Börsennachrichten anders. Ein Kurs ist keine Bewertung durch eine Behörde und kein fester Wert, sondern ein Momentpreis, auf den sich Käufer und Verkäufer gerade geeinigt haben. Er kann sich vom Wert, den man einem Unternehmen selbst beimisst, deutlich unterscheiden.
Für das Lernen über Märkte ist das eine wichtige Grundlage. Begriffe wie Liquidität, Volatilität oder Marktkapitalisierung lassen sich leichter verstehen, wenn man weiß, dass alles auf denselben Vorgang zurückgeht: Aufträge treffen aufeinander, und daraus entsteht ein Preis.
Fazit
Börsenkurse entstehen nicht durch Festsetzung, sondern durch das Zusammentreffen von Kauf- und Verkaufsaufträgen. Das Orderbuch macht sichtbar, zu welchen Preisen Angebot und Nachfrage bereitstehen, und jeder ausgeführte Auftrag erzeugt einen neuen Kurs. Weil sich Erwartungen und Informationen ständig ändern, ändern sich auch die Preise. Dieses Verständnis ersetzt keine Analyse und keine Beratung, hilft aber, Kursmeldungen nüchtern einzuordnen.
Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Finanzberatung oder Handlungsaufforderung dar. Entscheidungen über Geld, Kredite oder Anlagen treffen Sie selbst und in eigener Verantwortung.